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Dr. Stanislav Grof: Kartograf des Bewusstseins
- Humane Therapien, Transpersonale Visionen
von Lucius Werthmüller und Dieter Hagenbach
     
  Göttliche Blitze
Als einer der ersten im kommunistischen Ostblock führt der Gehirnforscher Jiri Roubiček ab 1956 in Prag systematische Studien mit LSD durch. Sein besonderes Interesse gilt der Wirkung des LSD auf die elektrische Aktivität des Gehirns. Dazu verabreicht er den Probanden in einem dunklen Raum eine hohe Dosis LSD und zeichnet während des gesamten Experiments physiologische Parameter auf.
Rund drei Stunden nach Verabreichung des LSD werden die Versuchspersonen einem Stroboskop ausgesetzt, das in wechselnden Frequenzen oszillierende Lichtblitze auf sie wirft, um zu untersuchen, wie die Gehirnwellen dadurch beeinflusst werden.

Als Roubiček unter seinen Studenten an der Karls- Universität Probanden sucht, hebt der Medizinstudent Stanislav Grof die Hand. Er muss sich aber noch gedulden, weil zu diesen Experimenten nur Versuchspersonen mit Abschluss zugelassen werden. Da ein Mangel an Betreuern besteht, darf Grof immerhin einige Versuche begleiten. Kurz nach seiner Promotion in Medizin und Medizinphilosophie ist es im Herbst 1956 soweit. Als junger Assistenzarzt meldet sich der 1931 geborene Grof wieder bei seinem Professor. Seine erste LSD-Erfahrung – begleitet von seinem Bruder Paul, der ebenfalls Medizin studiert hat – ist der Wendepunkt im Leben des heute weltbekannten Bewusstseinsforschers. «Ich hatte das Gefühl, dass ein göttlicher Blitzstrahl mein bewusstes Selbst aus meinem Körper katapultierte. Die Assistentin, das Labor, die psychiatrische Klinik und Prag verschwanden ganz aus meinem Wahrnehmungsfeld und schliesslich der ganze Planet.

Mein Bewusstsein dehnte sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit aus bis in kosmische Dimensionen. Es gab zwischen mir und dem Universum keinerlei Grenzen oder Unterschiede mehr.» Dieser «göttliche Blitz» ist die Initialzündung für die Karriere von Stanislav Grof. Schon nach der ersten LSD-Sitzung stellt er fest, dass seine Erfahrungen mit dem konventionellen psychodynamischen Modell, das er an der Universität gelernt hat, nicht befriedigend erklärt werden können. «Dieser Tag markierte den Beginn meiner radikalen Abkehr vom traditionellen Denken der Psychiatrie und dem monistischen Materialismus der westlichen Wissenschaft. Ich ging aus dieser Erfahrung bis ins Innerste erschüttert hervor und war zutiefst beeindruckt von ihrer durchdringenden Kraft. Ich hatte das starke Gefühl, dass das Studium aussergewöhnlicher Bewusstseinszustände im Allgemeinen und der durch psychedelische Substanzen ausgelösten Zustände im Besonderen das mit Abstand interessanteste Gebiet der Psychiatrie war, das ich mir vorstellen konnte.

Mir wurde klar, dass psychedelische Erfahrungen – in einem sehr viel grösseren Mass als Träume, die in der Psychoanalyse eine so entscheidende Rolle spielen – tatsächlich, um Freuds Worte zu benutzen, ein ‹Königsweg zum Unbewussten› sind. Und ich beschloss auf der Stelle, mein Leben dem Studium aussergewöhnlicher Bewusstseinszustände zu widmen.» Nach dem Studium absolviert Stanislav Grof eine psychoanalytische Ausbildung und wird vom Psychiatrischen Forschungszentrum in Prag angestellt. Bis Mitte der sechziger Jahre erforscht er die Wirkung von LSD und wendet es äusserst erfolgreich als Hilfsmittel der Psychotherapie bei über 3'000 Patienten an. Sorgfältig dokumentiert er jeden Versuch. Diese unschätzbar wertvolle Materialsammlung bildet die Grundlage seiner Theorien und Modelle, die er später in mehreren Büchern darlegt. Den grössten und schnellsten Erfolg verspricht gemäss seinen Beobachtungen die Behandlung von Alkoholikern, Drogensüchtigen und depressiven Menschen. Bei Patienten mit Psychoneurosen, psychosomatischen Störungen und Charakterneurosen lassen sich nachhaltige therapeutische Resultate gewöhnlich nicht ohne systematisches Durcharbeiten der verschiedenen Problembereiche in einer Reihe von mehreren LSD-Sitzungen erzielen. Grof benutzt LSD in begleiteten Versuchen als Mittel der Selbsterforschung und setzt durch, dass alle in die Therapien involvierten Personen, von der Krankenschwester bis zum behandelnden Arzt oder Psychiater, mit den Wirkungen des LSD auf Grund von eigenen Erfahrungen vertraut sind – eine Haltung, die von vielen Forschern übernommen wird.

Der Kartograf
In unserem Alltagsbewusstsein erfahren wir unsere Identität als fest begrenzt. In veränderten Bewusstseinszuständen wie Träumen, Ekstase, Trance oder im Rausch verschieben sich die Grenzen zwischen dem Ich und der Aussenwelt auf vielfältige Weise. Der amerikanische Psychologe William James wies schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts darauf hin, dass «unser normales Bewusstsein, das rationale Bewusstsein, wie wir es nennen, nur ein besonderer Typ von Bewusstsein ist, während überall jenseits seiner, von ihm durch den dünnsten Schirm getrennt, mögliche Bewusstseinsformen liegen, die ganz andersartig sind. Wir können durchs Leben gehen, ohne ihre Existenz zu vermuten; aber man setze den erforderlichen Reiz, und bei der blossen Berührung sind sie in ihrer Vollständigkeit da.» LSD setzt offensichtlich diesen erforderlichen Reiz. In seinem ersten Buch Topographie des Unbewussten gibt Grof einen systematischen Überblick über die Bewusstseinszustände und -inhalte, die bei seinen Patienten während therapeutischen LSD-Sitzungen aufgetaucht sind und illustriert sie mit eindrücklichen Protokollen aus der therapeutischen Praxis.

In den ersten Sitzungen tauchen meistens verschüttete Erfahrungen aus der frühen Kindheit auf. Charakteristisch ist, dass sie nicht nur erinnert, sondern regelrecht wieder erlebt werden. Geburt und Tod sind zweifellos die wichtigsten Konstanten des menschlichen Lebens. Die Erfahrung von Tod und Wiedergeburt sind denn auch zentrale Erfahrungen in psychedelischen Sitzungen. Grof folgert, dass die psychedelische Therapie eine neue Version dessen darstellt, was «jahrtausendelang in Tempelmysterien, Übergangsriten, Initiationszeremonien und Zusammenkünften ekstatischer Sekten gebräuchlich war». Im Laufe der vielen von ihm geleiteten therapeutischen LSD-Sitzungen ist Grof das häufige Auftreten von Erinnerungen an die Zeit um die Geburt aufgefallen, die jeweils einer bestimmten Phänomenologie und festen Mustern folgen. Er unterscheidet vier Phasen des psychischen Erlebens der Zeit vor,während und nach der Geburt, die mit psychopathologischen Syndromen korrespondieren und spezifischen Erinnerungen aus dem postnatalen Leben entsprechen.


Preisverleihung in Prag, (v.l.) Dagmar und Václav Havel, Stanislav Grof

In der ersten Phase einer normal verlaufenden Schwangerschaft empfindet der Fötus das «Einssein» mit der Mutter. Das Leben als «Hölle » empfindet er ab dem Einsetzen der Wehen und Kontraktionen beim Geburtsbeginn. Das Leben als «Kampf» empfindet er während der Austreibungsphase der Geburt. Das «Heraustreten in das Licht des Lebens» erlebt der Fötus am Ende des Geburtsvorgangs. Die Psyche eines Menschen wird nach Grofs Erfahrung lebenslang davon geprägt, welche dieser Phasen bestimmend waren und wie sie erlebt wurden, daher der Ausdruck «perinatale Matrizen», also «Verhaltens- und Denkmuster aus der Zeit um die Geburt herum». Grof hält eine Reihe LSD-Sitzungen mit hoher Dosierung für erforderlich, um die Inhalte der perinatalen Bewusstseinsschicht mit all ihren biologischen, emotionalen, philosophischen und spirituellen Äusserungen aufzuarbeiten. «In diesem Prozess muss der Einzelne in die tiefstiefsten Abgründe existentieller Verzweiflung eintauchen; er erlebt metaphysische Angst und Einsamkeit, mörderische Aggressivität, bodenlose Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle, quälenden körperlichen Schmerz und den Todeskampf der vollkommenen Vernichtung. Diese Erlebnisse öffnen den Zugang zur entgegengesetzten Seite des Spektrums: zu orgiastischen Gefühlen von kosmischer Weite, spiritueller Freiheit und Erleuchtung, einem ekstatischen Gefühl der Verwandtschaft mit dem Schöpfungsganzen und des mystischen Einsseins mit dem schöpferischen Prinzip in der Welt.»

Die grösste Herausforderung für die westliche Psychologie stellen die von Grof und vielen seiner Patienten erlebten «transpersonalen» Erfahrungen dar, welche die ganze Palette von Zuständen und Phänomenen umfassen, die aus spirituellen Traditionen und der parapsychologischen Forschung bekannt sind. Sie werden bis heute von einer Mehrheit der Psychologen nicht als authentisch anerkannt, sondern symbolisch oder pathologisch gedeutet. Die transpersonalen Erfahrungen unterteilt Grof in zwei Gruppen: Die erste umfasst eine Erweiterung des Gewahrseins innerhalb des Rahmens der «objektiven Realität». Diese teilt er in mehrere Untergruppen ein: als erstes die Erfahrungen, die mit einer zeitlichen Bewusstseinserweiterung einhergehen wie embryonale und fötale Erinnerungen, kollektive und rassenspezifische Erfahrungen, das Erleben einer früheren Inkarnation, Präkognition, Hellsehen, Hellhören und Zeitreisen. Zu den Erfahrungen der räumlichen Bewusstseinserweiterung gehören die Ich-Transzendenz in zwischenmenschlichen Beziehungen, die Identifikation mit anderen Personen, mit Gruppen, mit Tieren, Pflanzen und anorganischer Materie, ausserkörperliche Reisen und planetarisches oder kosmisches Bewusstsein. Bei der räumlichen Verengung des Bewusstseins treten zum Beispiel Organ-, Gewebe- und Zellbewusstsein auf. Zur zweiten Gruppe gehören Erfahrungen, die über den Rahmen der als objektiv betrachteten Realität hinausgehen. Dazu zählt Grof spiritistische und mediale Erfahrungen, die Begegnung mit übermenschlichen geistigen Wesenheiten, unbekannten Lebensformen und mit Gottheiten sowie archetypische und mythologische Erfahrungen.


Stanislav Grof, Albert Hofmann, und der Oscar-Preisträger H.R. Giger


Stanislav Grof
ist ein Psychiater mit mehr als 50 Jahren Erfahrung in der Erforschung aussergewöhnlicher Bewusstseinszustände. Er war Leiter eines ausgedehnten psychedelischen Forschungsprogramm am Psychiatrischen Forschungszentrum in Prag, in dem er in mehreren tausend therapeutischen Sitzungen die Wirkung von LSD bei Patienten und an sich selbst. erforschte. Die Erkenntnisse aus dieser bahnbrechenden Arbeit führten ihn dazu, eine erweiterte Kartografie des menschlichen Bewusstseins zu entwerfen. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, aussergewöhnliche Bewusstseinszustände zu erforschen. Später war er Verantwortlicher für das Forschungsprogramm am Maryland Psychiatric Research Center, Assistenzprofessor an der Johns Hopkins University in Baltimore und langjähriger Lehrer am Esalen Insitut in Big Sur, Kalifornien. Zurzeit ist er Professor für Psychologie am California Institute of Integral Studies (CIIS) in San Francisco und an der Wisdom University in Oakland, leitet Trainingsprogramme für das von ihm entwickelte holotrope Atmen und für Transpersonale Psychologie und hält weltweit Vorträge und Seminare. Er ist einer der Begründer und Theoretiker der Transpersonalen Psychologie und Gründungspräsident der International Transpersonal Association (ITA). Am 5. Oktober 2007 erhielt er den prestigeträchtigen Vision 97-Preis der Vaclav und Dagmar Havel Foundation in Prag. Er und seine Frau Christina wurden als Berater für die Hollywood Filme Brainstorm und Millenium beigezogen. Stan Grof hat über 140 Artikel in Fachzeitschriften und eine Vielzahl von Büchern veröffentlicht.

Seine Kartografie des Bewusstseins hat mir in der Jugend geholfen, meine Erfahrungen in veränderten Bewusstseinszuständen einzuordnen und zu verstehen. Umsomehr habe ich mich gefreut, dass er sich spontan bereit erklärt hat, für unser Buch über Albert Hofmann ein Vorwort beizusteuern. Ebenso freue ich mich, dass er diesen Herbst für einen Vortrag und zwei Tagesseminare nach Basel kommt. (lw)


 

Auszüge aus Albert Hofmann und sein LSD
von Dieter Hagenbach und Lucius Werthmüller,
Vorwort von Stanislav Grof,
406 Seiten,
über 500 Fotos und Illustrationen,
AT Verlag 2011,
CHF 49.90

www.alberthofmannundseinlsd.ch