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Wissende Felder von Systemaufstellungen:
Überraschende Heilungsschritte, unverhoffte Wendungen
und beglückende Ent-Täuschungen

Familienaufstellungen – oder der allgemeinere Begriff: Systemaufstellungen – sind mittlerweile gut bekannt. Noch nicht so bekannt ist allerdings ihr schier unerschöpfliches Potenzial, in immer neuen Feldern klärende Einsichten zu ermöglichen. Die vielen Leiden in persönlichen Beziehungen, die Schmerzen des Kind- und des Eltern-Seins, Schicksalsbindungen über mehrere Generationen, körperliche Erkrankungen, die existentielle Unausweichlichkeit, Unrecht zu erleiden und zu verüben, die Sorgen in Schule und Beruf, die folgenreiche Zugehörigkeit zu Organisationen, zu religiösen Gruppen, zu grösseren Gemeinschaften und zu Nationen, und schliesslich das Eine in allem, das Göttliche hinter Gott – all diese Lebensfelder können sich auf unmittelbar körperlich erlebbare und unmissverständliche Weise in Aufstellungen entfalten und uns zu völlig unerwarteten Lösungen führen.
Ein Fragesteller stellt, unter Umständen ohne vorherige Erläuterung, einen anderen Menschen als Mutter oder Vater auf, als Arbeitskollegin, als eine körperliche Erkrankung oder ein erkranktes Organ, als sein Herkunftsland, als eine politische Partei oder als seinen Glauben – und der oder die Aufgestellte «weiss» im Körpererleben, in Gefühlen und in aufkommenden Gedanken um den oder das Aufgestellte, oft in überraschend genauer und sinngebender Weise.
Dieser Vorgang ist einfach und – bei aller gelegentlichen Dramatik – unspektakulär, so natürlich wie das Atmen. Wir nennen diesen Vorgang stellvertretende Wahrnehmung. Stellvertretende Wahrnehmung setzt kein Fachwissen, keine besondere Übung und keinen speziellen intellektuellen, psychologischen oder spirituellen Entwicklungsstand voraus. Jeder kann sich mit dieser Wahrnehmungsweise vertraut machen.
Aufstellungen erinnern uns an die Tatsache, dass wir ohne Mühe füreinander zu Medien, zu Vermittlern von Erfahrungen werden können, von denen wir in üblicher Weise nichts wissen. So wie wir dank unserer Augen sehen können, verfügen wir über ein eigenes Sinnesorgan, das stellvertretende Wahrnehmung ermöglicht. Dieses feinstoffliche Sinnesorgan lässt uns am Erleben und am Seinszustand anderer Menschen teilhaben. Es bedient sich vor allem unseres Körpers in seiner Wahrnehmungsfülle, so dass wir in Aufstellungen manchmal vom «wissenden Körper» sprechen; unsere Gefühle, unsere Vorstellungskraft und mentale Prozesse, vor allem das Denken, werden zu Hilfsmitteln.

Stellvertretende Wahrnehmung – eine natürliche Fähigkeit
Stellvertretende Wahrnehmung ist non-lokal (ein Begriff aus der Quantenphysik), d.h. sie wirkt unabhängig von der räumlichen Entfernung derer, die aufgestellt werden. Und stellvertretende Wahrnehmung ist überzeitlich, d.h. sie bezieht weit zurückliegende und vielleicht auch als Potential in der Zukunft liegende Ereignisse mit ein und, wie die Leser vielleicht wissen, auch verstorbene Menschen und Personen, denen wir nie begegnet sind, die aber im Unbewussten unserer Familie eine wichtige Wirkung hinterlassen haben.
Stellvertretende Wahrnehmung erinnert uns daran, dass wir neben unserem linearen Zeiterleben auch in einem zeitlosen oder all-zeitlichen Raum existieren, in dem alles was war, ist und sein kann Jetzt ist, in eben diesem Augenblick.
Und schliesslich ist stellvertretende Wahrnehmung ein überall auftretendes Alltagsphänomen, das in Aufstellungen lediglich besonders achtsam fokussiert und genutzt wird.
Denken Sie etwa an Berichte wie den von einer Mutter, die nachts um halb drei plötzlich mit einem stechenden Schmerz im rechten Bein erwacht, um am nächsten Morgen zu erfahren, dass ihre Tochter genau zu diesem Zeitpunkt in Australien eine schwere Verletzung am rechten Bein erlitten hat.
Es geht bei der stellvertretenden Wahrnehmung also um ein altes Menschheitswissen, das unsere innige und weit reichende Verbindung mit unseren Nächsten, darüber hinaus aber mit allen Menschen und mit der ganzen Schöpfung beschreibt – eine Erfahrung, die in Aufstellungen immer wieder konkret auftreten kann.
Ungläubigkeit und Skepsis sind willkommen
Wer zum ersten Mal von den Möglichkeiten stellvertretender Wahrnehmung hört, ist meist skeptisch, und das ist auch gut so. Ich ermutige ausdrücklich zu kritischer Skepsis gegenüber den Phänomenen in Aufstellungen und entmutige jede Art von Gläubigkeit. Es kommt bei Aufstellungen nicht auf Glauben sondern ausschliesslich auf überzeugende Erfahrungen an, die sich im Alltag und gegenüber kritischen Fragen bewähren und die mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar sind. Letzterer spiegelt ja nicht lediglich das wieder, was wir für normal halten, sondern was Lebenserfahrung und ein natürlicher Spürsinn uns wissen lassen.
Inzwischen gibt es auch eine ganze Reihe von solide durchgeführten Forschungsarbeiten, die die Hypothesen von Aufstellungen und deren praktische Wirksamkeit belegen.

Aufstellungen – ein Raum für alle Methoden
Wir schätzen in der Aufstellungsarbeit die grossen Verdienste bewährter Therapieverfahren und nutzen sorgsam und klug das Beste von ihnen, ohne Schulenstreit und Rechthaben-Müssen. Wir alle haben recht – aber nur teilweise, so mahnt der amerikanische Philosoph und Anthropologe Ken Wilber. Und so kommt das wertvolle Wissen vieler «Ahnen» in Aufstellungen zum Tragen: von der Freud’schen Psychoanalyse, der Jung’schen analytischen Psychologie, den humanistischen Psychologien, den Körpertherapien, über die kognitiven und die Verhaltenstherapien bis hin zu schamanischen, energetischen und den vielen transpersonalen Verfahren – sie alle tragen bei zu den «wissenden Feldern» von Aufstellungen und ihren unerschöpflichen Möglichkeiten.

Das natürliche Herz von Aufstellungen:
Spiritualität und Humor
Aufstellungen erinnern uns daran, dass Spiritualität die befreiende Möglichkeit meint, dem zuzustimmen, was ist – unserer gegenwärtigen Lebenssituation, unseren Gefühlen und Wünschen, dem Unabänderlichen, unseren Aufgaben und unseren noch ungenutzten Möglichkeiten; sie meint die Entspannung und Erholung beim nicht-urteilenden Wahrnehmen; und sie meint die Freiheit, nichts mehr bei sich selbst und anderen als ausnehmend schlecht oder exklusiv gut wahrnehmen zu müssen. Das sind Elemente einer einfachen, herzensnahen Spiritualität, die jede/r schon immer in sich trägt.
Wenn wir das wieder mehr erleben, tritt eine untrügliche Folge ein: es gibt viel mehr zu lachen, auch in schwierigen Lebenssituationen. Wenn Aufstellungen nicht zu mehr Humor führen, wartet noch etwas mehr Arbeit auf uns.

Wann sind Aufstellungen sinnvoll?
Immer wenn wir unter uns selbst, unter anderen Menschen oder äusseren Umständen leiden und uns darin gefangen fühlen, können Aufstellungen hilfreich sein. Das Aufdecken bisher verborgener Dynamiken, das Anerkennen unveränderlicher Tatsachen und das Aufgeben von lange gehegten Täuschungen und Illusionen – können zu befreienden Einsichten, beglückenden Ent-Täuschungen und neuen Lösungswegen führen. Auch für psychosomatische und körperliche Krankheiten können sich durch Aufstellungen überraschende Möglichkeiten eröffnen, gerade auch dann, wenn sie im herkömmlichen Sinn nicht geheilt werden können.
Manchmal geschehen sogar Wunder in Aufstellungen. Wann? Wenn die- oder derjenige bereits sehr intensiv und ausdauernd an sich gearbeitet hat und die lange gereifte Frucht, angestossen durch die Aufstellungserfahrung, dann in ihre oder sein Hände fällt.