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Man hat mich für verrückt erklärt

Interview mit dem ehemaligen Unternehmer, Mönch und Meister Han Shan

Heute Han Shan, früher Hermann Ricker. Nach einem schweren Autounfall liess der Unternehmer Hermann Ricker alles zurück und lebte in Thailand als buddhistischer Bettelmönch Han Shan. In einem Gespräch in Zürich spricht er über seine verschiedenen Leben als Unternehmer und Mönch, über seinen Antrieb zur Veränderung, über Festhalten und Loslassen, über Energien und Erfolg.

Han Shan, Sie hatten als Hermann Ricker 1995 in Malaysia mit ihrem Auto einen schweren Autounfall, den sie mit viel Glück überlebt haben. Wie hat Sie dieser Moment verändert?
Er hat mein ganzes Leben verändert. Zuerst dachte ich nur: «Nochmals Glück gehabt. Ich bin davongekommen. » Im Anschluss hat der Unfall in mir etwas ausgelöst. Ich begann mich mit mir selbst zu beschäftigen. «Was tue ich auf der Welt? Wo komme ich her? Wohin gehe ich? Was soll das Leben überhaupt? »

Meine eigene momentane Vergänglichkeit wurde mir direkt vor Augen geführt. In dem Moment wurde mir auch klar, dass niemand kurz vor einem Unfall weiss, dass gleich etwas passieren wird. Wir gehen durchs Leben und glauben, dass schon alles irgendwie gut geht. In Wirklichkeit wissen wir aber nicht, was im nächsten Moment passiert.

Stellen sich die Leute solche Fragen zu wenig?
Ja, die Gelegenheit dazu bietet sich selten. Wir sind tagtäglich eingebunden in unsere Gewohnheiten und Rituale. In Dinge, die wir glauben, unbedingt tun zu müssen. Das ging mir damals auch so. Ich bin meinen Geschäften nachgegangen. Es hat mir Spass gemacht und ich glaubte, das wäre mein Leben. Zwar beschäftigte ich mich am Rande mit grundsätzlichen Fragen des Lebens, jedoch nicht in grosser Tiefe. Beispielsweise habe ich schon meditiert und war auch schon des öfteren in Thailand, um Gespräche mit den dortigen Mönchen zu führen. Die Meditation hat mir bei der Arbeit sehr geholfen, um mich zu konzentrieren, ruhig zu sein und beider Sache zu bleiben. Trotzdem lenkte mich der Alltag oft zu schnell wieder in die eingefahrenen Gleise zurück. Der Unfall hat mich zur Besinnung gebracht, mich gezwungen, innezuhalten und zuschauen, was das Leben wirklich ist. In dieser Situation hat mir die Lehre vom Buddha und ich sage bewusst die Lehre und nicht die Religion Anhaltspunkte gegeben, dass die Wahrheit bei uns selbst verborgen liegt. Man muss nur die richtigen Mittel und Methoden anwenden, um sie aufzudecken und zu realisieren.

Sie haben 10 Jahre als Mönch gelebt. Hatten Sie während dieser Zeit eine Erleuchtung?
Was ist Erleuchtung? Es ist ein sehr grosses Wort unter dem jeder Mensch etwas anderes versteht. Erleuchtung kann man sich aber nicht vorstellen, man kann sie nur erleben. Wenn man davon ausgeht, dass Erleuchtung gleichzusetzen ist mit dem totalen Verständnis der universellen Energien unserer Existenz die Antworten auf die Fragen, warum wir hier sind, wo wir herkommen, was vorher war, was danach kommt dann konnte ich solche Arten von Erkenntnissen in mir freilegen.

Durch das Mönchsein?
Durch die Praktizierung der momentanen Achtsamkeit und den richtigen Umgang mit mir selbst. Dadurch wird das Freisetzen von neuen Erkenntnissen in Gang gesetzt.

Sie besassen vor dem Unfall eine weltweit operierende Firma mit Fabriken in Singapur, Malaysia und Taiwan. Wie würden Sie Ihr früheres Leben beschreiben?
Damals kannte ich das Leben nicht anderes. Es hat mir Spass gemacht. Ich dachte, ich bin glücklich. Ich bin für meine Geschäfte um die Welt gereist. Natürlich gab es hin und wieder Probleme, es gibt nichts, das perfekt ist. Ich stand voll im Leben, mein Geschäft war mein Leben, und meine Angestellten meine Familie.

Hatten Sie ein grosses Ego? Was hat Sie angetrieben?

Ich war nie ein Ego-bezogener Mensch. Ich habe nie Geschäfte gemacht nur mit dem Ziel, Geld zu verdienen und reich zu werden. Mir hat es einfach Spass gemacht, gute Geschäfte zu tätigen. Es ging mir um das Wohl der Firma, der Angestellten, der Kunden und der Zulieferer. Ich habe auch einen Teil des erwirtschafteten Geldes für gute Zwecke zur Verfügung gestellt. Wer Geschäfte tätigt, um einfach nur reich zu werden, braucht gar nicht erst anzufangen. Geld ist das Resultat von guten Geschäften. Bevor man nehmen kann, muss man zuerst etwas geben. Ich wollte das Geld fliessen lassen. Als Folge daraus hat meine Firma Geld verdient und mir zu einem guten Lebensstil verholfen.

Ihr Unfall geschah in einem Jaguar. Materielle Werte waren Ihnen also wichtig?
Ja, aber lediglich als Resultat von meinen Geschäften. Ich habe nie darauf hingearbeitet, mir einmal einen Jaguar, ein Penthouse oder eine Yacht zu leisten. Die materiellen Dinge waren nicht mein Ziel, sondern ein Nebenprodukt oder Mitbringsel von dem, was ich gemacht habe.

Wie hat sich der Umgang mit Geld für Sie verändert über die letzten zwei Jahrzehnte?
Meine Einstellung zu Geld hat sich eigentlich gar nicht verändert. Geld ist als Zwischentauschmittel sehr, sehr nützlich. Es ist gut, solange es fliessen kann, und schlecht, wenn es gehortet wird und der Fluss zum Stillstand kommt. Viele Unternehmen machen in Krisenzeiten die Safetüre zu, sparen und üben Zurückhaltung. Wenn die Safetüre zu ist, dann kann zwar nichts heraus, aber eben auch nichts hinein. Die Türe muss offen bleiben, damit das Geld fliessen kann.

Wenn Sie sich jetzt in Ihrer früheren Identität als Unternehmer einen Rat geben müssten, wie würde dieser lauten?
Wenn ich heute mit meinem erarbeiteten Wissen zurückschaue, dann wäre es wichtig, jeden einzelnen Mitarbeiter anzuleiten, in sich selbst Energien freizusetzen, die ihn achtsam arbeiten lassen. Wenn jeder seine Sache achtsam tut, dann tut er sie auch gut. Dafür wäre es nötig, in den Führungsetagen ein Bewusstsein zu entwickeln und auch vorzuleben, das dazu beiträgt, die Achtsamkeit bei jedem einzelnen Mitarbeiter zu stärken. Denn letztlich haben die Energien, die jeder einzelne in die Firma einbringt, einen bedeutenden Einfluss auf den Unternehmenserfolg. Dazu wäre es nötig, Methoden und Zeit zur Verfügung zu stellen, die es dem Einzelnen ermöglichen, die Achtsamkeit in sich selbst zu verstärken, um sie dann gewinnbringend in das Unternehmen einfliessen zu lassen. Jeder kann schliesslich nur das in die Firma einbringen, was er selbst bei sich hat. Auch eine Fülle an fundiertem Fachwissen erfordert erhöhte Achtsamkeit, um sie im richtigen Moment effizient einzusetzen. Das Risiko von Fehlentscheidungen nimmt auf allen Ebenen ab. Zudem wird durch gestärkte Achtsamkeit das Unfall- und Krankheitsrisiko drastisch reduziert. Die Achtsamkeit jedes einzelnen Mitarbeiters schlägt direkt auf den Erfolg des gesamten Unternehmens durch.

Sie sind als Mönch in Thailand anfangs auf eine Insel inmitten eines Sees gezogen. Wie sah ihr Mönchsleben aus? Können Sie Ihren Tagesablauf kurz beschreiben?
Auf der Insel wurde ich täglich von den Ameisen geweckt. . . (Lacht.) Ich mache nur Spass. Natürlich war es am Anfang sehr schwierig. Ich musste mich eingewöhnen, mit der Natur vertraut machen und mich arrangieren mit all den Arten von Ameisen, Würmern und Insekten und was sonst alles noch vorbeikam. Trotzdem stand ich jeden Morgen um vier Uhr auf und meditierte zwei bis drei Stunden. Danach bin ich über den See gerudert, um an Land auf die Almosenrunde zu gehen, wie es in Thailand für Mönche üblich ist. Als ich zurück kam, habe ich gegessen, einmal am Tag, habe dann weiter meditiert und anstehende Sachen erledigt. Teilweise habe ich bis zu 15 Stunden am Tag meditiert. Ich versuchte, mich auf das was in mir selbst vor sich ging, zu besinnen. Auch hat es mir sehr geholfen, die Natur um mich herum zu beobachten und von ihr zu lernen.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Beim Meditieren benutzte ich die nach innen schauende Meditation, die die Achtsamkeit trainiert auf alle Vorgänge, die sich permanent in unserem Energiefeld manifestieren: Gefühle, Gedanken, Sinneseindrücke und Regungen im Körper. Diese Art der Meditation nenne ich heute «insight mindfocusing». Auch Buddha ging damals ähnlich vor, um seine Erleuchtung zu realisieren. Abends vor dem Einschlafen versuchte ich, die universelle Liebe für alle Existenzen im Universum auszustrahlen. Da kein elektrischer Strom vorhanden war, begann mit der einsetzenden Dunkelheit auch meine Nachtruhe. Um auch die traditionellen Rituale der Thaimönche zu erlernen, zog ich nach den zwei Jahren auf der Insel zu einem kleinen Waldtempel weiter. Dort machte ich mich mit den Zeremonien und Chantings vertraut, die bei Verbrennungen, Heiraten und Hausbesuchen von den Mönchen abgehalten werden.

Ich stelle mir Ihre zwei Jahre auf der Insel sehr hart vor. Haben Sie es nie bereut, den Luxus aufgeben zu haben?
Sehr oft. Es gab sehr, sehr schlimme Tage. An diesen Tagen wäre ich am liebsten an Land geschwommen, um mich in meinem ehemaligen Penthouse in Singapur zu verkriechen, denn da hätte ich ja auch meditieren können. Aber ich habe mich immer wieder zurückgehalten und mir selbst gesagt, dass ich jetzt genau das Privilieg hatte, in mir selbst neue Erkenntnisse zu realisieren und das mentale Loslassen zu üben. Dass es so schwer werden würde, hatte ich mir natürlich nichtvorgestellt, aber mit zunehmender Achtsamkeit wurde es allmählich leichter. Ich erkannte, was in mir vor sich geht, wie sich die Gedanken, Gefühle und Vorstellungen in mir manifestierten und mich durch den Tag bewegten. Mir wurde klar, wie alles zusammenhängt und miteinander funktioniert.

Wie würden Sie einem Menschen im Westen, der noch nie meditiert hat, den Nutzen der Meditation erklären?
Dadurch, dass man die Achtsamkeit auf das richtet, was in einem selbst vor sich geht, erkennt man die Gedanken, Gefühle und Vorstellungen beim Entstehen und lernt damit richtig umzugehen, ohne sich von ihnen davontragen zu lassen. Wenn wir zum Beispiel beschimpft werden, ärgern wir uns normalerweise. Aber genau genommen ist die Energie des Schimpfens bei der anderen Person entstanden und hat mit uns eigentlich nichts zu tun. Trotzdem lassen wir uns beispielsweise durch verbale Beleidigungen beeinflussen und machen unser eigenes Wohlbefinden davon abhängig, obwohl wir keinen direkten Einfluss darauf haben, was uns andere Menschen an den Kopf werfen. Beim Üben der Achtsamkeit geht es darum, Vorgänge, die durch Einflüsse von aussen bei uns ausgelöst werden, zu erkennen, sie loszulassen und damit unser eigenes Wohlbefinden zu erhalten. Von äusseren Einflüssen unabhängig zu werden, macht uns stark und hilft, wahres Glück in uns selbst zu realisieren. Diese Art von Glück hat man immer bei sich, wo immer man hingeht. Das ist ein konkretes Resultat guter Meditation, das sich durch regelmässiges Üben auch auf den Alltag auswirkt.

Der Buddhismus sagt, dass man loslassen muss, um das Leid zu beenden. In der westlichen Welt ist das Festhalten an Menschen und Dingen aber durchaus ein Faktor, um in der Gesellschaft Erfolg zu haben.
Genau das Gegenteil ist der Fall. Es geht beim Loslassen gar nicht darum, dass man nichts besitzen soll; es geht um die mentale Anhaftung an den Besitz, was der Besitz mit mir «macht». Wenn ich zum Beispiel eine Luxuskarosse habe und deshalb glaube, dass ich ein besserer Mensch bin und andere Leute dementsprechend behandle, werde ich verleitet, mich über andere Menschen zu stellen. Das halte ich für keine gute Sache, da sie nur zur eigenen Ego-Aufwertung dient und wir uns doch als Menschen gegenseitig respektieren sollten, unabhängig davon, was wir besitzen. Wenn ich aber weiss, dass ich mir durch meine Arbeit einen Luxuskarosse leisten kann, dass dies ein Auto ist, das ich in der Zeit, die ich hier auf der Erde bin, benutzen kann, aber das mir gar nicht wirklich gehört, weil ich es später auch nicht mitnehmen kann, dann verbinde ich meine eigene Energie nicht damit und mache mich auch nicht davon abhängig. Erst wenn man sein Glück nicht von Dingen abhängig macht, kann man sein wirkliches Menschsein freisetzen. Auf der Insel habe ich schnell gemerkt, dass das materielle Weggeben einfach ist – ganz im Gegensatz zum mentalen Loslassen von unseren Vorstellungen.

Nun gibt es aber doch viele Leute, die Erfolg über Geld oder Status definieren. Wenn dies diese Leute genuin glücklich macht, dann ist daran doch nichts auszusetzen?
Nein, generell ist das nichts Schlechtes, aber ich bezweifle, dass diese Leute tatsächlich glücklich sind. Man hat auch schon in Studien festgestellt, dass Leute, die viel besitzen, überhaupt nicht glücklich sind, weil sie laufend damit beschäftig sind, auf ihren Besitz aufzupassen. Man muss sich ständig Sorgen machen, dass etwas am Aktienmarkt geschehen könnte, dass man Dinge verlieren könnte, wenn man sie nicht ständig im Auge behält. Das ging mir auch so. Ich hatte so viele Sachen, dass ich gar nicht selbst darauf aufpassen konnte. In der Folge stellt man Leute ein, die für uns auf die Sachen aufpassen sollen. Das führt aber dazu, dass man sich laufend um diese Leute kümmern muss. Verstehen wir das wirklich unter Erfolg? Könnte Erfolg nicht auch am inneren Wohlbefinden gemessen werden, unabhängig von Äusserlichkeiten und Besitztümern?

Dennoch: Ambition – also das Gegenteil von Loslassen – ist doch eine Voraussetzung, um Erfolg zu haben und weiterzukommen?
Ich sage immer: Mit dem Verstand festgelegte Ziele limitieren unsere Fähigkeiten. Wir können vielmehr erreichen als die Ziele, die uns unser Verstand vorgibt. Von allen Energien, die wir als Menschen bei uns haben, macht der Verstand weniger als 20 Prozent aus. Die restlichen über 80 Prozent liegen ungenutzt in uns verborgen und warten darauf, von uns genutzt zu werden. Sie stellen unser wirkliches Potenzial dar, das im Einklang mit den allgegenwärtigen universellen Energien steht. Wer sich von diesen Energien tragen lässt, kann von der Welle sehr, sehr weit vorwärts gespült werden. Wer hingegen gegen ankämpft und versucht sein eigenes Meer und seine eigenen Wellen zu erzeugen, kann dabei sehr müde werden. Es geht darum, die allgegenwärtigen Energien im Leben, im Alltag und in den Geschäften anzuwenden dann werden sie auch Erfolg bringen.

Interview von Marco Metzler, erschienen in der NZZ Online


Han Shan, geb. Hermann Ricker, wanderte 1974 im Alter von 23 Jahren aus Deutschland nach Asien aus und gründete in Singapur eine Firma. Daraus entstand ein Unternehmen mit Fabriken in Singapur, Malaysia und Taiwan. Im Jahr 1995 hatte er einen schweren Autounfall, sein Auto wurde völlig zerstört, er überlebte unverletzt. Nach der Begegnung mit der eigenen Sterblichkeit überschrieb er sein Unternehmen seinen engsten Mitarbeitern und zog sich nach Thailand zurück, wo er als buddhistischer Bettelmönch lebte. Zwei Jahre verbrachte er allein auf einer unbewohnten Insel im Nordosten Thailands. Weitere zwei Jahre lebte er in einem der vielen Waldtempel in der Nähe, um auch die traditionellen buddhistischen Gebräuche und Zeremonien in Thailand zu studieren. Um seine neugewonnenen Erkenntnisse auch anderen Menschen zugänglich zu machen, widmete er sich ab 1999 dem Aufbau eines Meditations- und Rückzugscenters in Thailand. Informationen zur Abendveranstaltung und zum Achtsamkeitstraining finden Sie hier.